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Stress ist IN!

Warum wir Stress am Arbeitsplatz als erstrebenswert ansehen

Ein Treffen zum Abendessen? Da muss ich in meinem Kalender nachschauen… Mittwoch in zwei Wochen würde gehen.“ Wartezeiten, die früher nur bei Ärzten üblich waren, sind heute selbst unter Freunden oft normal. Der Grund dafür? Wir haben alle soooo viel Stress!

Hinter diesem vielleicht etwas übertriebenen Beispiel liegt eine erschreckende Wahrheit:
Immer mehr Menschen sehen Stress als eine Art Statussymbol.

Harte Arbeit, Ehrgeiz und viel beschäftigt sein wird heutzutage sehr positiv und als bewundernswert gesehen. Oft gelten diese Verhaltensweisen, die sich mit Stress am Arbeitsplatz gleichsetzten lassen, sogar als ein Indikator für Erfolg und Wohlstand. Vor allem aber bekommen wir durch sie Anerkennung von unseren Mitmenschen.1

Eine Art von Anerkennung, die wir für einen Urlaub oder freie Wochenenden nicht bekommen. Denn wer Stress am Arbeitsplatz und viel um die Ohren hat, der muss ja auch wichtig sein. Bestimmt hat so jemand einzigartige Fähigkeiten, so dass nur er oder sie selbst diese Aufgabe übernehmen kann. Und mit Sicherheit ist diese Person auch unersetzbar für ihren Chef, deshalb hat sie so viel Arbeit und Stress. Natürlich gehört da auch dazu, dass man am Wochenende erreichbar ist, und auf jede Email innerhalb von 3 Stunden antwortet. Vielleicht ist das etwas übertrieben dargestellt. Aber:

Kennen Sie diese Denkmuster? Sie laufen oft ganz automatisch ab!

Ein gefährliches Spiel beginnt. Denn vom Stress am Arbeitsplatz alleine bekommen wir noch keine Anerkennung. Deshalb wird gern erzählt und dargestellt, wie gestresst, beschäftigt und wichtig wir wirklich sind. Sich als fleißiges Bienchen zu zeigen und unter dem vielen Stress zu leiden, wirkt schließlich auch deutlich positiver, als zu sagen „Ich bin so gut in meinem Job, mein Chef kann nicht ohne mich, deshalb mach ich die ganze Arbeit.“ Denn Selbstlob stinkt ja bekanntlich.

Doch während wir uns darüber beschweren, wie stressig unser Alltag ist, vermitteln wir gleichzeitig, wie gefragt wir sind und bekommen so Anerkennung. Im Englischen gibt es für dieses – oft unbewusste Verhalten – einen eigenen Ausdruck: humblebragging. Übersetzt bedeutet das in etwa falsche Bescheidenheit. Der “böse Stress” ist also nicht nur schlimm, sondern hat durchaus auch Vorteile für jeden Gestressten.

Der Stress am Arbeitsplatz und die Anforderungen an jeden Einzelnen haben die letzten Jahre über ohne Zweifel zugenommen. Doch auch die Wertigkeit von Stress hat sich verändert. Wer von sich sagt „Ich bin absolut entspannt“ kann nicht nur mit dem Chef  Schwierigkeiten bekommen, sondern gilt auch bei den Kollegen und Bekannten schnell als faul oder Versager.

Doch sollten wir hier nicht lieber umdenken? Sollte es nicht in Zeiten von Vertrauensarbeitszeit und Homeoffice positiv sein, wenn wir ein gutes Zeitmanagement haben? Wenn wir unsere Aufgaben effektiv und ohne Überstunden erledigen können, anstatt uns über den Stress am Arbeitsplatz zu beklagen?

Wie viel Stress haben wir tatsächlich? Und wie viel davon haben wir uns irgendwann angefangen selbst zu machen? Durch unseren Perfektionismus, unseren Ehrgeiz, oder unser Vergleichen mit anderen. Das Tückische bei dieser Sache ist, dass wir uns selbst sehr schnell überzeugen können. Dann haben wir die perfekte Grundlage, um sehr viel Stress am Arbeitsplatz zu erleben, und mit eben diesem Stress Schwierigkeiten zu bekommen. Im Endeffekt schaffen wir uns sogar durch unser eigenes Verhalten eine Grundlage für Burnout und Depressionen.

Warum erzählen wir so oft, wie gestresst wir sind? Was wollen wir damit wirklich bewirken? Im Endeffekt kann diese Fragen wohl nur jeder für sich selbst ehrlich beantworten.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und freue mich, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Ich hoffe, er bringt Sie bereits einen Schritt weiter in Richtung entspannten und ausgeglichenen Alltag.

Herzliche Grüße,

Ihre Rebekka Wapler

 

1 Bellezza, S., Paharia, N., & Keinan, A. (2016). Conspicuous consumption of time: When busyness and lack of leisure time become a status symbol. Journal of Consumer Research, 44(1), 118-138.